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Zero Day

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Mathias von theflowersaregone.at hat für Filmleben ein Review zu “Zero Day” (hochwertiger Film, den ich ebenfalls sehr schätze) verfasst, welches ich euch nicht vorenthalten möchte.
Und natürlich großen Dank an Mathias, das Review ist wirklich toll geworden.

Wenn aufwühlende Ereignisse die Menschheit bewegen, dauert es meist nicht lange, bis auch die künstlerischen Medien wie Literatur, Musik oder Film das Thema aufgreifen. “Fahrenheit 9/11″ beispielsweise befasst sich zu großen Teilen mit den drei Jahre zuvor statt gefundenen Terroranschlägen des 11. September und wurde ein Welterfolg; der erste “Zodiac Killer” über den gleichnamigen Massenmörder kam sogar schon 1971, zwei Jahre nach dessen letzten Mord, in die Kinos. Und über die rechtmäßige Veröffentlichung von “Rohtenburg”, dem verfilmten Portrait des Kannibalen Armin Meiwes, wird immer noch gestritten.

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch das “Columbine High School Massacre”, das erste in einer folgenden Reihe von “School Shootings”, ein filmisches Nachspiel hatte: dokumentarisch abermals von Michael Moore verwirklicht, künstlerisch eher von Filmen wie “Elephant” (Gus van Sant) oder eben “Zero Day”, welcher sogar früher als Erstgenannter fertig gestellt wurde, jedoch wegen der 9/11-Terroranschläge in seiner Ausstrahlung verzögert werden musste. Der Low-Budget-Film des weitgehend unbekannten Regisseurs Ben Coccio, der zudem das Drehbuch schrieb und den Film produzierte, wird vom Columbine-Journalisten Dave Cullen sogar als „the one great Columbine film“ beschrieben und erhielt mehrere Preise bei diversen amerikanischen Filmfestivals.

“Zero Day” beginnt mit munterer Rockmusik und der Präsentation der beiden Hauptpersonen, Andre Kriegman und Calvin Gabriel, durch das Einbinden von Kindheitsfotos in die Credits. Kurz danach springt das Geschehen in die Sicht einer wackligen Amateur-Videokamera, gehalten von einem der beiden Teenager auf dem Weg zu ihrer Schule. Dort angekommen präsentiert die „Army of Two“ dem Zuseher der Kassette ihren Plan, der mehrere “missions” und eine “big-ass final mission” beinhaltet: den so genannten Zero Day, den Tag, an dem sie es ihrer Schule heimzahlen und auf den sie sich fast ein ganzes Jahr vorbereiten werden. Schon jetzt kann sich der Zuseher vorstellen, worauf die Sache hinauslaufen wird, wird aber anstatt mit dem düsteren Portrait zweier Außenseiter mit einem eigens produzierten Dokument des Untergangs konfrontiert, das durchwegs alles andere als düster erscheint. „Eigens produziert“ bedeutet auch, dass sich der beschriebene Kamerastil über den ganzen Film hindurch fortsetzt: Die subjektiv gehaltenen Aufnahmen entweder Calvins oder Andres werden in geschnittener Form dem Zuseher präsentiert – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Besonders interessant ist hierbei, dass sich die beiden Hauptcharaktere durchaus darüber im Klaren sind, dass sie bei ihrem Amoklauf das Zeitliche segnen werden (wodurch der Film einige ironische Momente erhält) und dies eine Art Abschiedsbrief ist – diese Möglichkeit aber gleichzeitig auch zur akribischen Dokumentation des Tatherganges genutzt wird; vom 4. Juli bis zum 1. Mai des nächsten Jahres, dem Zero Day. Anders als bei “Elephant” werden dem Zuseher nicht bloß wage Andeutungen an das Innenleben der beiden zukünftigen Täter geliefert, es wird nicht nüchtern die Geschichte eines Massakers beschrieben und es werden auch keine Mutmaßungen angestellt. Der Zuseher ist mitten im Leben von Andre und Calvin und erlebt unter anderem mit, wie die beiden Rohrbomben basteln und dies dem Zuschauer detailreich erläutern, wie sie ein Schließfach in der örtlichen Bank mieten um dort ihre Videokassetten zu verstauen – von Fremden aufgemacht werden darf dieses schließlich nur im Todesfall des Inhabers – oder wie sie mit Andres Cousin im Wald das Schießen üben und diesen ganz nebenbei nach der besten Waffe fragen, um einen Menschen zu töten. Wie man am besten in Papis Waffenschrank gelangt oder einen selbstgebastelten, verkürzten Griff an der Shotgun anbringt, wird ebenfalls erklärt.

Schon alleine durch das Format eines Home-Made-Videos wird somit die gesamte Intention des Filmes unterstrichen. Nicht Fragen sind es, die die beiden Jungs uns hier liefern („Wie konnte das nur geschehen?“), sondern Antworten. Alle Antworten, bis auf eine: die auf die Frage nach dem „Warum“.
Denn, um wieder den Vergleich mit „Elephant“ zu bemühen, anstatt verschiedene Aspekte der Beweggründe der Schul-Amokläufer vorzubringen, zu analysieren, wird gerade dieser Teil des Geschehens für den Zuseher völlig im Dunkeln gelassen. Calvin und Andre formulieren es in ihrer letzten Botschaft selbst und eindeutig: „There are no reasons. [...] Nobody made us doing it – it was our own idea.“ Ihre Gewaltspiele, ihre DVDs und sogar ihre Bücher verbrennen sie einige Tage vor der Tat, damit die Polizei in ihren Zimmern keine Medien finden und zum Sündenbock erklären kann. Ihr familiäres Umfeld wird als liebevoll und fürsorglich dargestellt, die jeweiligen Aufnahmen machen dies deutlich. Schusswaffen faszinieren die beiden, doch niemand hat sie dazu getrieben – selbst Andres Cousin, Besitzer mehrerer tödlicher Gerätschaften, mahnt zur Vorsicht. Andre selbst spielt ein einziges Mal auf Schulmobbing an; im Gegensatz zu dessen Rolle als Außenseiter ist Calvin jedoch gut in einen Freundeskreis integriert – noch in der Nacht vor dem Amoklauf fährt er mit seinen Schulkollegen zum „Prom“, dem High-School-Abschlussball.

Bis zuletzt hat der Zuseher es also mit zwei von ihrem Vorhaben überzeugten, sich dabei manchmal ein wenig kindisch aufführenden, aber im Grunde ernsthaften Teenagern zu tun, die gleichzeitig keinerlei Hinweise darauf geben, wieso ihnen die fixe Idee eines School-Shootings in den Kopf gekommen ist. „We‘re gonna be God – no mistake about that“, sagt Andre in seiner Abschlussrede und meint damit, dass er und sein Freund über Leben und Tod entscheiden werden – und dass die Überlebenden diese Gelegenheit zur Wertschätzung ihres eigenen Lebens herbei nehmen sollen. Doch bis auf diesen kurzfristigen Anflug von Größenwahn – nichts.

Und gerade diese Leere, dieses den ganzen Film durchziehende Fehlen eines echten Motivs, macht die letzten 10 Minuten des eineinhalbstündigen Filmes, in denen Überwachungskameras den eigentlichen Amoklauf zeigen, so grausam und gnadenlos. Es sind nicht so sehr die verzweifelten Schreie der sich versteckenden Schüler, nicht so sehr das hämische Lachen Andres, nachdem wieder einer abgeknallt wurde. Es ist das Bewusstsein, dass es sich dabei um einen völlig sinnlosen Mord handelt, der dem Wesen der beiden Jungs in Wirklichkeit gar nicht entspricht.
„When you‘re with him, you‘re different than you‘re now [...] you‘re like Andre number two“, sagt Calvins Freundin Rachel zu ihm, als die beiden alleine sind – und Calvin fragt sie nur, woher sie denn wüsste, dass Andre nicht in Wirklichkeit sein Ebenbild ist. Rachel darauf: „Unless you have some sort of evil locked inside that I‘ve never seen before – it‘s Andre.“
„Well, I lock it inside. Nobody sees it, I keep it from everyone.“