Archiv für die Kategorie „Experimentell“

Princess

Princess ist ein dänischer Animationsfilm von Anders Morgenthaler (der auch gemeinsam mit Mette Heeno das Drehbuch schrieb) und ein Statement zur “Pornofizierung der Gesellschaft”.

August ist Priester. Als seine Schwester, eine Pornodarstellerin, stirbt, nimmt er ihre Tochter Mia bei sich auf. Diese ist im Milieu der Pornoindustrie aufgewachsen und dadurch sehr verschlossen und abgebrüht. August ist bestürzt, was die Pornoindustrie aus Mia und seiner Schwester gemacht hat und beginnt einen blutigen Rachefeldzug.vlcsnap-2010-05-02-12h39m33s46Es ist also ein Film, der übertrieben mit der Moralkeule schwingt. Wenn auch nur einseitig.
Während “Porno” das Grundübel ist, ist Gewalt, Mord und Verstümmelung der Vertreiber des Pornogeschäfts natürlich gerechtfertigt. Vor allem, wenn man die Konsumenten und die korrupten männlichen Führungspositionen metzelt. Auch kleine Kinder, die Mia “bedrohen”, haben es laut diesem Film wohl verdient, dass ihnen von August der Arm gebrochen wird und sie durch die Luft geschleudert werden.

Denn August ist hier ein Held – er wird als gut dargestellt und seine Figur wird eigentlich kaum hinterfragt. Man hat einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, als man einbrachte, dass er damals die Kamera zur Verfügung gestellt hat, mit der seine Schwester ihren ersten Film drehte. Jedoch wurde darauf letztendlich wenig eingegangen. Auch dass seine Eltern in einem Autounfall umkamen (und man Augusts Schwester dafür verantwortlich machen könnte), wurde nur kurz angeschnitten und wieder mal nicht vertieft.vlcsnap-2010-05-02-12h47m34s124Zu allem Überfluss an Gut/Böse Schwarzweißdenken wird August in seinen blutigen Rachefeldzügen auch noch von Gott unterstützt. So wird er an einer Stelle umzingelt, aber ein Kreuz, dass einer seiner Gegner um den Hals trägt, lässt August die Situation umreissen. So bringt er mal eben um die zwanzig Leute um und beginnt dieses blutige Spektakel mit den Worten: “Danke!” (an Gott gerichtet)
Sehr fraglich ist auch, dass er die kleine Mia zu seinen Rachefeldzügen meist mitnimmt und dass sie auch die Geschlechtsteile von einem Mann, der sie anscheinend sexuell missbrauchte, zerschmettern durfte. (Und sie dies auch mit Freude tat)
Das Ende des Films schien dann doch eine interessante Wendung zu bringen, die sich dann mit der letzten Einstellung wieder in Luft auflöste.vlcsnap-2010-05-02-12h45m19s80Natürlich ist der Film aus Dänemark und man kann mir sofort vorhalten, dass der ja vorwiegend schockieren und natürlich provozieren soll.
Aber eine so einseitige und belehrende Provokation reizt mich nicht. Porno zu verteufeln (und NUR von einer schlechten Seite zu zeigen), aber dafür Gewalt und Totschlag zu verherrlichen geht mir nicht ein. Es ist einfach lächerlich, wenn man “kritisch” sein will, aber sich nicht auf das Thema einlässt. Dieser Zugang zu der Geschichte, ein kategorisieren von Gut und Böse, ist schlicht ermüdend.
Selbst ein standardisiertes Kinderbuch hätte wohl mehr Tiefe.
vlcsnap-2010-05-02-12h40m41s98Die Animationen sollten an Anime angelehnt sein und erste Screenshots haben mich an das Meisterwerk “Tekkonkinkreet” erinnert. Leider konnte Princess nicht mal annähernd diesem Standard nahe kommen und die Animationen waren oft nicht besonders flüssig. Auch der Zeichenstil gefiel mir persönlich nicht besonders gut.vlcsnap-2010-05-02-12h41m55s75Leute, die es gewohnt sind, dass Zeichentrick “für Kinder” ist, denen wird dieser neue Zugang vielleicht zusprechen. Wenn man aber schon viele Anime gesehen hat, die ebenfalls erwachsen rüberkommen, sollte einen das nicht vom Hocker hauen. Einen weiteren Kunstfaktor will man noch einbringen, indem man immer wieder Sequenzen aus der Videokamera von August einbringt – also mit echten Schauspielern und in schlechter “Homevideo”-Qualität. Da diese aber von der Handlung kaum berücksichtigt wurden, obwohl sie durchaus interessanten Stoff gaben (wie zB August es einfach geschehen hat lassen, dass seine Schwester sich dem Pornobusiness zuwendet), konnten sie auch nicht wirklich begeistern.

So kann ich zuletzt nur noch betonen, dass diese enorme Moral dem Film sicher nicht gut tat. Und dass ich persönlich nicht glaube, dass Porno so abgrundtief böse ist. Ansonsten kann ich noch jedem das Massive Attack – Paradise Circus Musikvideo ans Herz legen, wo eine gealterte Pornodarstellerin über ihre Karriere spricht. Das ist um einiges interessanter und wahrscheinlich genauso provokant. Und mal zur Abwechslung nicht so scharf verurteilend.

Machinarium

machinarium

Durch das “Independent Game Festival” hörte ich von diesem neuen PC/MAC/Linux Game.

Da ich diesen melancholischen, verspielten und oftmals auch sehr tiefgründigen Independent Games viel abgewinnen kann, musste ich es mal anzocken: Das Spiel, das vollkommen ohne Sprache auskommt. Doch werden uns sehr wohl Gespräche gezeigt, aber das ganze nur durch Bildsprache. In Denk- und Sprechblasen läuft ein – süß gezeichnetes – Geschehen hab und wir wissen sofort, was uns die Charaktere sagen wollen.

Das Design des Games ist wohl einer der gelungensten Aspekte, neben dem grandiosen Ambient Soundtrack. Alle Figuren haben ihren eigenen Charme und sehen allesamt individuell und kreativ aus, selbst wenn sie nur eine Screentime von 5 Minuten haben. Der Hintergrund reiht sich auch schön ein. Bei manchen Games ist es ja so, dass alle Objekte die benutzbar, bzw beweglich sind, stark rausstechen (was ich als störend empfinde). Hier war dies nicht so.
Der Soundtrack passt perfekt zu der Welt, die meist in matten Farben gehalten ist.

Die Rätsel waren für mich persönlich etwas zu leicht. Aber es ist natürlich sehr angenehm, wenn ein Spiel durch überschwierige Rätsel nicht komplett frustet und man alle 10 Minuten hängen bleibt. So hatte ich ein flüssiges Spielerlebnis, was ja auch nicht zu verachten ist. Langweillig waren die Rätsel jedenfalls nicht – sogar sehr kreativ und abwechslungsreich, aber eben kurzweillig.
Von der Flash Basierung sollte man sich auch nicht abschrecken lassen, das Spiel ist sauber und toll programmiert.

Zur Handlung selber muss man gar nicht viel sagen, am besten, man liest gar nichts drüber sondern lässt sie sich einfach erzählen. Von diesem Game, das eher wie ein Gemälde, ein Bilderbuch oder wie ein kleiner Film erscheint… dieser Mix, aus wunderschönen Animationen, gelungenem Soundtrack, simpler, aber mitreissender Story machen das Ganze äußerst spielenswert.

Waking Life

wakinglife

Waking Life ist experimentelles Kino, das sich mit Traum & Realität beschftigt und das ganze Bröckchenweise in Philosophie lastigen Gesprächen der Hauptfigur mit allerlei Charakteren verarbeitet. Waking Life ist keine leichte Kost und manche benötigen bei der großen Summe an Gedanken vielleicht eine Pause im Film, oder einen zweiten Durchlauf.

Wirft man nur einen flüchtigen Blick auf “Waking Life”, so denkt man hier einen normalen Film mit echten Schauspielern vorzufinden – zur Hälfte stimmt dies auch. Der gesamte Film wurde digital abgedreht, aber dann im Nachhinein so bearbeitet, dass der gesamte Film wie gezeichnet aussieht. Zeitweise werden die Figuren stark abstrahiert und manchmal erkennt man den Unterschied zum “realen” Film nur mehr schwer.

Der Film beschreibt eine Art Selbstfindungs Tour des namenlosen Protagonisten. Er führt viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen (egal ob nun Universitätsprofessor oder ein Selbstmörder, der kurz vor seinem Tod steht), wobei jeder seine eigene Ansicht zu Tage bringt. Letztendlich suchen wir aber den Unterschied zwischen Traum und Realität, wieso wir träumen, wieso wir sterben, der Sinn des Lebens… alles ist hier irgendwie verpackt. Das ganze noch dazu in grandioser Optik.

Das Gesehene ordentlich wiederzugegeben fällt hier sehr schwer, da Waking Life beinahe episodisch abläuft. Jedes geführte oder gesehene Gespräch bildet einen eigenen Punkt, sie hängen direkt nicht miteinander zusammen. Am Ende trifft der Protagonist einen Entschluss, der frei interpretierbar ist.

Ich war sehr beeindruckt, vor allem wegen der – schon so oft gelobten – visuellen Gestaltung, dem neuartigen Plot und den interessanten Denkansätzen. Ich habe in diesem Film meine Haltungen vielleicht fünf mal überdenken müssen, auch wenn es ebenso Momente gab, in denen ich den Gesprächspartnern nicht zustimmen konnte.

Kurzum: Empfehlung!