Archiv für April 2009

Paris je t’aime

parisjetaime

18 bunte und einzigartige Kurzflime, gedreht von vielen Regisseuren dieser Welt – um die Themen Paris und Liebe nochmal zu ehren.

Vorne weg, ich mag Kurzfilme. Doch war ich skeptisch: Es ist wirklich eine große Herausforderung Stimmung in 5-8 Minuten aufzubauen. Was ich aber in “Paris je t’aime” fand, übertraf meine Erwartungen vollkommen.
Viele Gegenstimmen ertönten, die Filme seien nicht französisch genug oder würden an der Themenstellung vorbei zielen – doch wer sowas behauptet, hat meiner Meinung nach gar nichts verstanden. Denn – Paris, bzw Frankreich – ist nicht unbedingt durch die Umgebung auszumachen, es ist eher eine Philosophie; ein Stil der französische Filme oft begleitet. Und auch wenn viele Künstler nicht aus Frankreich stammen, so hat dieser Film für mich dieses französische Etwas. Egal ob nun Erzählstil, die Selbstverwirklichung durch Kunst oder die allgemeine Ehrung der Liebe.
Aber selbst wenn man diese Sammlung für nicht themagetreu hält: Gut sind die Filme trotzdem.

Und wie war es anders zu erwarten – das Thema Liebe wird in fast allen Kurzfilmen angeschnitten. Doch diese Einseitigkeit lässt die Filme nicht öde werden: So entdeckte ich ein schrilles, buntes und urkomisches Märchen über eine Pantomimen Familie; ein Mann, der seine Frau nicht mehr liebt, aber durch ihren Tod ihr wieder näher kommt; eine junge Dame, die ihren Freund nicht lieben kann, da er zu wenig Humor schätzt, ein Blinder, dessen Freundin Theater spielt und, und, und…
Außerdem werden schwierige Themen wie Klassenunterschiede oder Rassismus aufgegriffen, also zentrale Themen die nicht nur in Paris eine Rolle spielen.
Was ebenfalls nett ist, dass auch Kunst hier in allen Formen und Facetten präsentiert wird; so zum Beispiel ein Mann, der in wenigen bunten Minuten zu sich selbst findet, indem er kunstvolle Frisuren fabriziert.
Klingt schräg, ist es auch.

In jedem der Filme steckt so viel originelles, dass man sich von diesem Kulturschock erst mal erholen muss. Egal ob surreal, verwirrend, romantisch, lustig, traurig… es ist so viel unterschiedliches zu finden, dass mich die 114 Minuten Laufzeit wirklich vom Hocker gehauen haben.

Bis auf 2, 3 Kurzfilme haben mir alle außerordnetlich gut gefallen. Meine Lieblinge sind: Les Marais von Gus Van Sant, Tuilleries von Joel & Ethan Coen, Porte de Choisy von Christopher Doyle, Bastille von Isabel Coixet (der war für mich wirklich der Inbegriff von französischen Filmen, Erzählstruktur, Kamera, die Details… so typisch), Tour Eiffel von Sylvain Chomet (Pantomimenliebesgeschichte, äußerst liebenswert!), Place de Victoires (einer, für mich, der traurigsten Filme, wird aber begleitet von wunderbarer Leichtigkeit) von Nobuhiro Suwa, Place de Fetes von Oliver Schmitz, Pere Lachaise von Wes Craven, Fauborg Saint Denis von Tom Tykwer, Quartier Latin von Frédéric Auburtin & Gérard Depardieu und 14éme Arrondissement von Alexander Payne

Hierbei sieht man sofort viele bekannte Regisseure aufblitzen, die sich hier alle wirklich wunderbar verwirklicht haben. Natürlich sind auch die Schauspieler fantastisch, bekannte Gesichter wie Elijah Wood oder Natalie Portman fliegen über den Bildschirm und auch Gérard Depardieu darf hier nicht fehlen.

Zusammenfassend sind dies Filme, die mich wirklich bewegt haben und mir selbst nach Monaten noch lebhaft in Erinnerung geblieben sind.

Finnischer Tango

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Finnischer Tango ist ein deutscher Film von Buket Alaksus.
Der junge und emotional abgestumpfte Alex braucht schnell und viel Geld. Nachdem ihm ein Jobangebot für Behinderte ins Auge springt, stiehlt er promt den Behindertenausweises eines Rollstuhlfahrers und macht sich auf den Weg.

Was sich Komödie nennt, entpuppt sich schnell als ernstes und tiefsinniges Drama; dabei werden sensible Themen angesprochen wie Selbstmord oder die Liebe, bzw. der Sex zwischen Behinderten.
Der Film liegt teilweise sehr schwer im Magen: Zu rücksichtslos und abgeklärt wandelt der Hauptcharakter durch das Geschehen – menschliche Beziehungen sind für ihn praktisch nicht vorhanden, sein ganzes Leben konzentriert sich nur auf eines: Die Musik.

In seiner 3 Mann-Band war er der Akkordeon Spieler, bis an jenen Abend, als die drei Freunde beschlossen das Auto, mitsamt der Ausrüstung, ihrer größten Rivalband zu klauen. Tommy, der am Steuer sitzt, tritt dann plötzlich aufs Gas und rast auf eine Wand zu, denn seinem Leben will er ein Ende machen.
Der Hauptcharakter erwacht in Trümmern, steigt über Tommy der in einer Blutlacke liegt und geht zum Auto. Seinen anderen Freund Steini, der um Hilfe bettelt, ignoriert er und greift sich das Akkordeon. Wenig später bricht er zusammen.

Alex hat kein Mitleid mit Tommy, er nimmt seinen Tod einfach so hin. Abgesehen davon ist er sogar wütend auf Tommy, da dieser sein Leben auch gefährdet hat. Und der Einwand, sie wären es Tommy schuldig die Band aufzulösen, stößt bei ihm ebenfalls auf Unverständnis.
Alex – der sich zuerst eine Wohnung mit Tommy geteilt hat – muss erstmal wo unterkommen und geht zu Steini, doch dieser ist fassungslos dass Alex ihn hätte sterben lassen und dass ihn der Tod Tommys nicht mal ein bisschen berührt und kündigt darum Band und Freundschaft.
Ohne Wohnung, Geld, Freundin oder Bausparvertrag begibt sich Alex auf Jobsuche – und landet dabei prompt bei einer Ausschreibung, nur für Behinderte. Die Arbeit entpuppt sich als Theater, dort arbeitet er von nun an als Musiker. Mit vielen Lügen erschleicht er sich Mitleid und darf sogar mit einigen anderen aus seiner Arbeit zusammen leben.
In seiner neuen Wohnung verkauft er die Rollstühle oder durchwühlt die Spardosen seiner Mitbewohner um an Geld zu kommen.

Zuerst scheint die WG recht harmonisch, doch dieses Bild wird durch Rudi getrübt; dem pessimistischen Miesepeter, der kein gutes Wort für die anderen oder seine Lebenssituation übrig hat. Ansonsten ist da noch Marilyn, welche am Down Syndrom leidet, die unbedingt ihr erstes Mal mit einem erfahrenen Mann haben möchte, um es ihrem Freund besonders schön zu machen. Jedoch sitzt ihr Geliebter, ebenfalls Bewohner der WG, im Rollstuhl und sein ganzer Unterleib ist gelähmt; an solchen Stellen kommt vorallem wieder die Komödie durch.

Doch obwohl wir denken, der Hauptdarsteller sei moralisch und emotionsmäßig komplett abgestumpft ändert sich dieses Bild, nämlich in seiner Art wie er auf die Selbstmordgedanken von Rudi reagiert – empfindlich, ernst und vorallem menschlich. Das Thema Selbstmord zieht sich durch den ganzen Film, wenn nicht sogar als Schwerpunkt.

Alles in Allem ist der Film keine leichte Kost, aber dafür unterhaltsam. Auch wenn die Stellen, an denen ich schmunzelte, deutlich geringer waren als die traurigen Momente.

Zero Day

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Mathias von theflowersaregone.at hat für Filmleben ein Review zu “Zero Day” (hochwertiger Film, den ich ebenfalls sehr schätze) verfasst, welches ich euch nicht vorenthalten möchte.
Und natürlich großen Dank an Mathias, das Review ist wirklich toll geworden.

Wenn aufwühlende Ereignisse die Menschheit bewegen, dauert es meist nicht lange, bis auch die künstlerischen Medien wie Literatur, Musik oder Film das Thema aufgreifen. “Fahrenheit 9/11″ beispielsweise befasst sich zu großen Teilen mit den drei Jahre zuvor statt gefundenen Terroranschlägen des 11. September und wurde ein Welterfolg; der erste “Zodiac Killer” über den gleichnamigen Massenmörder kam sogar schon 1971, zwei Jahre nach dessen letzten Mord, in die Kinos. Und über die rechtmäßige Veröffentlichung von “Rohtenburg”, dem verfilmten Portrait des Kannibalen Armin Meiwes, wird immer noch gestritten.

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch das “Columbine High School Massacre”, das erste in einer folgenden Reihe von “School Shootings”, ein filmisches Nachspiel hatte: dokumentarisch abermals von Michael Moore verwirklicht, künstlerisch eher von Filmen wie “Elephant” (Gus van Sant) oder eben “Zero Day”, welcher sogar früher als Erstgenannter fertig gestellt wurde, jedoch wegen der 9/11-Terroranschläge in seiner Ausstrahlung verzögert werden musste. Der Low-Budget-Film des weitgehend unbekannten Regisseurs Ben Coccio, der zudem das Drehbuch schrieb und den Film produzierte, wird vom Columbine-Journalisten Dave Cullen sogar als „the one great Columbine film“ beschrieben und erhielt mehrere Preise bei diversen amerikanischen Filmfestivals.

“Zero Day” beginnt mit munterer Rockmusik und der Präsentation der beiden Hauptpersonen, Andre Kriegman und Calvin Gabriel, durch das Einbinden von Kindheitsfotos in die Credits. Kurz danach springt das Geschehen in die Sicht einer wackligen Amateur-Videokamera, gehalten von einem der beiden Teenager auf dem Weg zu ihrer Schule. Dort angekommen präsentiert die „Army of Two“ dem Zuseher der Kassette ihren Plan, der mehrere “missions” und eine “big-ass final mission” beinhaltet: den so genannten Zero Day, den Tag, an dem sie es ihrer Schule heimzahlen und auf den sie sich fast ein ganzes Jahr vorbereiten werden. Schon jetzt kann sich der Zuseher vorstellen, worauf die Sache hinauslaufen wird, wird aber anstatt mit dem düsteren Portrait zweier Außenseiter mit einem eigens produzierten Dokument des Untergangs konfrontiert, das durchwegs alles andere als düster erscheint. „Eigens produziert“ bedeutet auch, dass sich der beschriebene Kamerastil über den ganzen Film hindurch fortsetzt: Die subjektiv gehaltenen Aufnahmen entweder Calvins oder Andres werden in geschnittener Form dem Zuseher präsentiert – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Besonders interessant ist hierbei, dass sich die beiden Hauptcharaktere durchaus darüber im Klaren sind, dass sie bei ihrem Amoklauf das Zeitliche segnen werden (wodurch der Film einige ironische Momente erhält) und dies eine Art Abschiedsbrief ist – diese Möglichkeit aber gleichzeitig auch zur akribischen Dokumentation des Tatherganges genutzt wird; vom 4. Juli bis zum 1. Mai des nächsten Jahres, dem Zero Day. Anders als bei “Elephant” werden dem Zuseher nicht bloß wage Andeutungen an das Innenleben der beiden zukünftigen Täter geliefert, es wird nicht nüchtern die Geschichte eines Massakers beschrieben und es werden auch keine Mutmaßungen angestellt. Der Zuseher ist mitten im Leben von Andre und Calvin und erlebt unter anderem mit, wie die beiden Rohrbomben basteln und dies dem Zuschauer detailreich erläutern, wie sie ein Schließfach in der örtlichen Bank mieten um dort ihre Videokassetten zu verstauen – von Fremden aufgemacht werden darf dieses schließlich nur im Todesfall des Inhabers – oder wie sie mit Andres Cousin im Wald das Schießen üben und diesen ganz nebenbei nach der besten Waffe fragen, um einen Menschen zu töten. Wie man am besten in Papis Waffenschrank gelangt oder einen selbstgebastelten, verkürzten Griff an der Shotgun anbringt, wird ebenfalls erklärt.

Schon alleine durch das Format eines Home-Made-Videos wird somit die gesamte Intention des Filmes unterstrichen. Nicht Fragen sind es, die die beiden Jungs uns hier liefern („Wie konnte das nur geschehen?“), sondern Antworten. Alle Antworten, bis auf eine: die auf die Frage nach dem „Warum“.
Denn, um wieder den Vergleich mit „Elephant“ zu bemühen, anstatt verschiedene Aspekte der Beweggründe der Schul-Amokläufer vorzubringen, zu analysieren, wird gerade dieser Teil des Geschehens für den Zuseher völlig im Dunkeln gelassen. Calvin und Andre formulieren es in ihrer letzten Botschaft selbst und eindeutig: „There are no reasons. [...] Nobody made us doing it – it was our own idea.“ Ihre Gewaltspiele, ihre DVDs und sogar ihre Bücher verbrennen sie einige Tage vor der Tat, damit die Polizei in ihren Zimmern keine Medien finden und zum Sündenbock erklären kann. Ihr familiäres Umfeld wird als liebevoll und fürsorglich dargestellt, die jeweiligen Aufnahmen machen dies deutlich. Schusswaffen faszinieren die beiden, doch niemand hat sie dazu getrieben – selbst Andres Cousin, Besitzer mehrerer tödlicher Gerätschaften, mahnt zur Vorsicht. Andre selbst spielt ein einziges Mal auf Schulmobbing an; im Gegensatz zu dessen Rolle als Außenseiter ist Calvin jedoch gut in einen Freundeskreis integriert – noch in der Nacht vor dem Amoklauf fährt er mit seinen Schulkollegen zum „Prom“, dem High-School-Abschlussball.

Bis zuletzt hat der Zuseher es also mit zwei von ihrem Vorhaben überzeugten, sich dabei manchmal ein wenig kindisch aufführenden, aber im Grunde ernsthaften Teenagern zu tun, die gleichzeitig keinerlei Hinweise darauf geben, wieso ihnen die fixe Idee eines School-Shootings in den Kopf gekommen ist. „We‘re gonna be God – no mistake about that“, sagt Andre in seiner Abschlussrede und meint damit, dass er und sein Freund über Leben und Tod entscheiden werden – und dass die Überlebenden diese Gelegenheit zur Wertschätzung ihres eigenen Lebens herbei nehmen sollen. Doch bis auf diesen kurzfristigen Anflug von Größenwahn – nichts.

Und gerade diese Leere, dieses den ganzen Film durchziehende Fehlen eines echten Motivs, macht die letzten 10 Minuten des eineinhalbstündigen Filmes, in denen Überwachungskameras den eigentlichen Amoklauf zeigen, so grausam und gnadenlos. Es sind nicht so sehr die verzweifelten Schreie der sich versteckenden Schüler, nicht so sehr das hämische Lachen Andres, nachdem wieder einer abgeknallt wurde. Es ist das Bewusstsein, dass es sich dabei um einen völlig sinnlosen Mord handelt, der dem Wesen der beiden Jungs in Wirklichkeit gar nicht entspricht.
„When you‘re with him, you‘re different than you‘re now [...] you‘re like Andre number two“, sagt Calvins Freundin Rachel zu ihm, als die beiden alleine sind – und Calvin fragt sie nur, woher sie denn wüsste, dass Andre nicht in Wirklichkeit sein Ebenbild ist. Rachel darauf: „Unless you have some sort of evil locked inside that I‘ve never seen before – it‘s Andre.“
„Well, I lock it inside. Nobody sees it, I keep it from everyone.“